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DIE KRAFT DER VERLETZLICHKEIT - Wie viel Verletzlichkeit können/sollen/dürfen wir im Business-Kontext zulassen?

  • Autorenbild: Dr. Daniela Haze Stöckli
    Dr. Daniela Haze Stöckli
  • 10. März
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Apr.


Dies ist eine der zentralen Fragen zeitgemässer Führung. Meine Position: Mehr als traditionell üblich, jedoch mit klarer Dosierung und situativer Differenzierung.

Wenn Führungskräfte artikulieren können "Ich weiss es nicht" oder "Hier habe ich einen Fehler gemacht", schaffen sie Raum für Risikobereitschaft und konstruktive Fehlerkultur. Gerade in Phasen strategischer Volatilität, bei der Erschliessung neuer Geschäftsfelder oder in Transformationsprozessen wird Verletzlichkeit zum Performance- und Innovationstreiber durch psychologische Sicherheit. 


Authentizität bezüglich eigener Dilemmata – etwa bei komplexen strategischen Entscheidungen – generiert Vertrauen und kalibriert Erwartungen realistisch. Diese Form von "Mut statt Komfort" entfaltet transformative Wirkung.


Die Grenzen setze ich dort, wo Verletzlichkeit durch übermässige Unsicherheit destabilisierend wirkt und zur Belastung des Teams wird. Verletzlichkeit bedeutet nicht ungefilterte Selbstoffenbarung, sondern kalkulierten Mut in Momenten der Ambiguität. Als CEO trage ich Verantwortung für das Sicherheitsempfinden der Organisation. Private Krisen mit therapeutischem Unterstützungsbedarf gehören nicht ins Management-Meeting.


Zeitgemässe Führung bedeutet für mich: menschliche Authentizität und professionelle Verlässlichkeit in Balance halten – Verletzlichkeit bewusst annehmen statt vermeiden.



Worauf müsste man achten, gerade wenn man eine öffentliche Person ist? - Gibt es Does & Dont’s hierzu von Euch?


Als öffentliche Persönlichkeit unterliegt Verletzlichkeit anderen Parametern und erzielt exponentiell grössere Reichweite. Was im geschützten Führungskreis Vertrauen generiert, kann öffentlich fehlinterpretiert, dekontextualisiert oder instrumentalisiert werden.

DOES: Steuern Sie gezielt, welche Information Sie mit welcher Stakeholder-Gruppe teilen – nicht jede Schwäche erfordert Öffentlichkeit. Prüfen Sie: Wer hat ein legitimiertes Interesse an dieser Information? Verletzlichkeit erfordert bewusste Kontextwahl und klare Grenzen.

Verletzlichkeit muss strategisch zu Ihrem Thema, Ihrem Personal Brand und Ihrer Kernbotschaft passen. Gescheiterte Projekte können Sie thematisieren, wenn Sie für Innovationskultur stehen – das schafft Glaubwürdigkeit. Definieren Sie selbst die Learnings, bevor andere das Narrativ übernehmen. Differenzieren Sie zwischen Verletzlichkeit und Oversharing: Verletzlichkeit ist strategisch und zielgerichtet, Oversharing ungefiltert und dient primär der eigenen emotionalen Entlastung.

DON'TS: Positionieren Sie sich nicht als handlungsunfähiges Opfer – das erodiert Ihre Professionalität. Kommunizieren Sie stattdessen Ihre Transformation aus der Krise.

Wahren Sie strikte Grenzen bei privaten Details und schützen Sie die Privatsphäre Dritter. Die Regel lautet: Einmal öffentlich, permanent verfügbar.

Vermeiden Sie Echtzeitkommunikation in akuten Krisen. Ungefilterte emotionale Reaktionen oder manifeste Überforderung beschädigen Ihre Glaubwürdigkeit nachhaltig. Der kritische Faktor ist Timing: Kommunizieren Sie die Story, wenn Sie bereits Learnings extrahiert haben – nicht mitten im Prozess.

Weshalb tun wir uns so schwer, das zuzulassen, wenn doch alle von Authentizität sprechen? Gehört das denn nicht dazu?

Ja, Verletzlichkeit ist integraler Bestandteil von Authentizität – eine permanente Perfektionsfassade schliesst Authentizität aus. Auf GL- und VR-Ebene beobachte ich drei zentrale Gründe für diese Diskrepanz:


1. Widersprüchliche Rollenerwartungen und Fehlinterpretationen Wir erwarten von Führungskräften Sicherheit und Orientierung. Viele interpretieren dies als "keine Schwäche zeigen" und setzen Verletzlichkeit fälschlicherweise mit Schwäche gleich, obwohl sie Stärke und Mut erfordert.

2. Hierarchie und Machtasymmetrie In Machtpositionen fühlt sich Verletzlichkeit exponiert an. Die Befürchtung: Unsicherheit oder Fehler könnten die Autorität erodieren. Diese oft unbewusste Angst wird durch strukturelle Asymmetrien zwischen Führung und Team verstärkt.

3. Kulturelle Prägung und fehlende Role Models Im DACH-Wirtschaftsraum dominiert in traditionellen Organisationen eine Kultur der Stärke und Perfektion. "Authentizität" degeneriert zur Floskel ohne gelebte Praxis. Solange Vorgesetzte und Peers keine Verletzlichkeit demonstrieren, entsteht kein sicherer Raum. Jemand muss den ersten Schritt machen – auf GL-Ebene besonders herausfordernd.

Wir adressieren diese Dynamik systematisch in unseren High Performance Team Workshops.



Wo sind die Grenzen der Verletzlichkeit und Kindness? - Wir müssen im Business ja auch mal taffe Entscheidungen treffen. Hat das wirklich immer Platz? Oder ist das alles nur Wunschdenken für eine vermeintlich bessere Zukunft?

Meine ehrliche Antwort: Nein, es ist nicht immer möglich und nicht immer klug.

Verletzlichkeit bedeutet nicht Weichheit bei Entscheidungen. Sie können Mitarbeitende entlassen, unprofitable Geschäfte schliessen oder unbequeme Wahrheiten aussprechen – und dabei verletzlich sein. Verletzlichkeit heisst: "Diese Entscheidung ist schwer, und ich übernehme die Verantwortung" statt sich hinter Floskeln zu verstecken.

Echte Grenzen sehe ich dort, wo: 

  • Personen, die Verletzlichkeit als Angriffsfläche instrumentalisieren und manipulieren

  • Toxische Unternehmenskulturen geprägt von Misstrauen und Machtspielen herrscht

  • Informationsasymmetrien vorliegen wie in Verhandlungen, wo es strategisch unklug wäre, alle Karten offenzulegen

In vielen Organisationen dominieren Machtspiele, politisches Kalkül und Menschen, die Schwäche ausnutzen. Die Annahme universeller Authentizität ist naiv.

Ich begleite Organisationen mit hohem Reifegrad, welche sicheren Raum für Verletzlichkeit bei gleichzeitig klaren Anforderungen kreieren. Mit den richtigen Stakeholdern im richtigen Kontext wirkt es transformativ – mit den falschen selbstzerstörerisch. Wir sollten berücksichtigen, dass nicht jedes Team mit der Unsicherheit umgehen kann, die Verletzlichkeit offenbart. Manchmal brauchen Menschen zunächst klare Führung.







 
 
 

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